Raus aus der Komfortzone

1. Juli 2017

Dozent Georg Laqua zum Thema 'Lernen und emotionale Beteiligung'

Erstellt von: Sandra Flint

Wenn Menschen vergessen, was wir ihnen gesagt haben und sogar das, was wir getan haben, sich aber noch sehr gut an die vermittelten Gefühle erinnern, dann sollte es überaus lohnenswert sein, diese Gefühle zu aktivieren. Das kann z. B. dadurch geschehen, dass wir als Dozent Möglichkeiten für eine emotionale Beteiligung der Teilnehmer einplanen.
In dieser kurzen Darstellung soll auf drei Fragen eingegangen werden:

  • (1) Warum ist emotionale Beteiligung wichtig?
  • (2) Wie kann ich als Dozent auf die emotionale Beteiligung Einfluss nehmen?
  • (3) Welche Bausteine für eine „emotionale Didaktik“ gibt es?

Warum ist „emotionale Beteiligung“ wichtig?
Erinnern Sie sich noch an den letzten Film, der Ihnen wirklich unter die Haut ging? Worum ging es da? Was hat Sie angesprochen, was hat Sie fasziniert? Immer, wenn uns etwas bewegt, werden Emotionen in Gang gesetzt. Diese sorgen dafür, dass wir in einen Zustand gelangen, in dem wir aufnahmebereit, wach und lernbereit sind. Wir erinnern uns oft noch nach Jahren an aufrüttelnde Situationen, die positiv oder negativ auf uns gewirkt haben.

Manfred Spitzer sieht es als empirisch belegt an, dass „emotionale Beteiligung das Lernen erheblich verbessert“ (Spitzer, M. (2002): Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens, S. 159-160). Lerninhalte, mit denen man emotional eine Menge verbinden kann, nimmt man viel leichter auf als andere. Nicht entscheidend ist es dabei, ob es sich um positive oder um negative Emotionen handelt. Jede Form der emotionalen Beteiligung ist wichtig. Daher ist es ist nicht sehr sinnvoll, sich in einem Seminar nur auf die sachliche Ebene zu beschränken und die emotionale Dimension außen vor zu lassen. Auch hier bringt es Spitzer auf den Punkt: „Was den Menschen umtreibt, sind nicht Fakten und Daten, sondern Gefühle, Geschichten und vor allem andere Menschen.“ ((Spitzer, M. (2002), S. 160))

Wie kann ich als Dozent auf die „emotionale Beteiligung“ meiner Teilnehmer Einfluss nehmen?
Diese emotionale Beteiligung möchte ich an einem praktischen Beispiel verdeutlichen. In einem Seminar sollte das „Modell der acht Karriereanker“ von Edgar Schein vermittelt werden. Das Design für diese Einheit sah so aus:

  • (1) Kurzer theoretischer Input zum Modell (5 bis 7 Min.)
  • (2) Selbsteinschätzung der Teilnehmer mit Hilfe eines Fragebogens (15 Min.)
  • (3) Verteilung der Teilnehmer im Raum entsprechend dem präferierten Karriereanker (wer von meinen Kommilitonen bevorzugt welchen Anker?) (5 Min.)
  • (4) Wechselseitige Interviews zwischen zwei Teilnehmern zu den persönlichen Hintergründen des gewählten Karriereankers (2 x 15 Min.)
  • (5) Verdichtung der wichtigsten Erkenntnisse im Seminartagebuch (3 Min.)
  • (6) Verknüpfung der Erkenntnisse mit den persönlichen Karrierezielen im Rahmen einer sich anschließenden Projektstudienarbeit.

Bei einer Einheit von ca. 60 Minuten entfielen ca. 10% auf den theoretischen Input, die anderen 90% dienten der emotionalen Beteiligung der Teilnehmer.

Und dabei sind noch weitere Möglichkeiten der emotionalen Beteiligung übersehen worden: (1) Der Dozent hätte seine eigenen Karriereanker vorstellen und sich damit selbst emotionaler einbringen können, (2) Die Teilnehmer hätten in Vierer-Gruppen über die vermutlich am stärksten und am schwächsten gewählten Anker der anderen Teilnehmer spekulieren und damit ihre Intuition einbeziehen und entwickeln können.
Durch das praktische Ausprobieren, die Beobachtungen der Teilnehmer, ihre Rückmeldungen und das laufende Verbessern einer Seminareinheit wird eine schrittweise Annäherung an das Ideal der emotionalen Beteiligung erst möglich. Hier ist der Weg das Ziel. In diesem Zusammenhang ist auch die Teilnahme als stiller Beobachter an Lehrveranstaltungen anderer Dozenten und das anschließende wertschätzende Gespräch zusätzlich sehr hilfreich.
Die Abbildung (untenstehend) zeigt einen Vorschlag für einen didaktischen Dreiklang mit dem Schwerpunkt auf der emotionalen Beteiligung.

Der theoretische Input könnte bezüglich der Breite und Tiefe in angemessene Einheiten aufgeteilt werden, die Vermittlung sowohl durch den Dozenten als auch durch einzelne Teilnehmer des Seminars geschehen. Mit einer emotionalen Beteiligung wird dabei wohl eher selten zu rechnen sein.
Für diese emotionale Beteiligung könnten dann Gruppenarbeiten mit vertiefenden Fragestellungen, Übungen, Rollenspiele oder konkrete Fälle aus dem eigenen beruflichen Alltag integriert werden. In diesem zweiten Teil des Dreiklangs geht es darum, wirklich wichtige Themen bei den Teilnehmern hervorzurufen und Wesentliches herauszustellen. Die emotionale Beteiligung darf dabei auch nicht zu stark sein, denn eine zu starke Aktivierung kann Stress und Angst auslösen (vgl. Abbildung 2). Der Kontakt mit den Emotionen darf aber auch nicht zu schwach sein, sonst bleibt es bei einer netten Plauderei, aber wirkliche Veränderungen finden nicht statt. Erst wenn das eigentliche Anliegen berührt wird, kommt es zu der gewünschten inneren Beteiligung, wenn der Teilnehmer mit den Emotionen in Kontakt gekommen ist, die für seine zukünftigen Handlungen und nächsten Schritte wichtig sind.

Im abschließenden dritten Teil können die konkreten Erfahrungen in Kleingruppen oder im Plenum diskutiert, in Form individueller Notizen festgehalten und auf die konkrete Situation im Unternehmen übertragen werden.

Gibt es Bausteine für eine emotionale Didaktik?
Michael Kobbeloer hat mit der „emodaktik“ (emotionale Didaktik) ein Konzept entwickelt, das für emotionsgünstige Lernbedingungen sorgen soll. Dozenten, die nach dem Konzept der emotionalen Didaktik arbeiten, sind für ihn emotional kompetent, sprechen eine emotionale Sprache, können ein emotionsgünstiges Lernklima herstellen und sind in der Lage, Lernprozesse mit einem wertschätzenden Feedback abzuschließen. Kobbeloer unterscheidet diese fünf Bausteine für eine emotionale Beteiligung:

  • (1) Emotionale Kompetenz des Dozenten (z. B. Wertschätzung, Intuition, Achtsamkeit und aktives Zuhören)
  • (2) Emotionale Sprache des Dozenten (z. B. Storytelling, Körpersprache und Humor)
  • (3) Emotionales Lernklima (z. B. Beobachtung der Teilnehmer, Gruppeneinteilung und gruppendynamische Prozesse)
  • (4) Emotionsgünstige Methoden (z. B. erfahrungsorientiertes Lernen, Übungen und kollegiale Fallbearbeitung)
  • (5) Emotionales Feedback (z. B. kompetente Rückmeldungen, Lernprozessen Sinn geben und den Umgang mit Fehlern thematisieren)

Lassen Sie uns gemeinsam losmarschieren: Der Weg ist das Ziel. Jede Möglichkeit der emotionalen Beteiligung der Teilnehmer unserer Seminare ist es wert, ausprobiert zu werden. Die zentrale Frage vor einem Seminar lautet dann nicht mehr: „Hab ich alle Unterlagen dabei?“, sondern: „Bin ich sicher, dass ich genug dafür tun werde, meine Seminarteilnehmer emotional zu berühren und zu beteiligen?“